Aufruf gegen den Papstbesuch in Erfurt

23 06 2011

Der Papst kommt nach Thüringen. Das Eichsfeld und Erfurt werden von seinem Besuch beehrt. Klar ist, dass die Schockwellen der Begeisterung über diesen Besuch schon in Vorbereitung sind: Hotels bitten bundesweit darum, frühzeitig Zimmer zu reservieren, Christen wie Atheist_innen und Agnostische freuen sich auf das Spektakel, und das Innenministerium erstellt zusammen mit den regionalen Behörden ein Sicherheitskonzept.

Trotz der überschwänglichen Begeisterung finden wir: Dieser Besuch darf nicht unwidersprochen über die Bühne gehen. Was jetzt schon als „Jahrhundertereignis“ und als „historischer Moment“ für die Stadt Erfurt gehandelt wird, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als öffentliche Feier einer zutiefst reaktionären und menschenfeindlichen Ideologie. Die katholische Kirche, als weltgrößter Männerbund, hat sich seit je her der sexuellen Selbstbestimmung der Menschen in den Weg gestellt und propagiert ein patriarchales und sexistisches Familienkonzept, das Frauen auf die ihnen zugeschriebene Rolle williger Gebärmaschinen reduziert. Auch Menschen, die sich das heteronormative Korsett nicht überstülpen wollen, erfahren Ächtung und Ausgrenzung.

In ungebrochener Kontinuität der über Jahrhunderte durch Gewalt und Unterdrückung erkämpften Macht der katholischen Kirche wirkt der Dogmatismus des Vatikans auch heute noch als politische Kraft im Zusammenhang mit staatlichen Strukturen – somit auch auf die Leben vieler Nicht-Christ_innen*: So beeinflusst der Katholizismus maßgeblich die Gesetzgebungen bezüglich Abtreibung in einigen Ländern Lateinamerikas (z.B. Chile, Nicaragua, El Salvador), die sich konkret negativ auf das Leben von Frauen auswirken. Nicht nur dass das Leben vieler Menschen weltweit durch moralische Erpressung und rechtliche Verfolgung aufs Spiel gesetzt wird – die gleiche rigide Sexualmoral verhindert auch anderswo eine effektive HIV-Prävention. Deshalb ist der Papstbesuch nicht nur eine religiöse Angelegenheit, sondern gleichzeitig auch eine politische und eine Zumutung für alle, die zu dieser autoritären Ideologie nicht Ja und Amen sagen.

Der aktuelle Amtsinhaber macht den Widerstand umso dringlicher: Ratzinger hat sich in vielerlei Hinsicht gegen eine liberale Auslegung des Katholizismus positioniert und steht für einen Kurs, der letztlich hinter die kircheninternen Reformen des 2. Vatikanischen Konzils zurück fällt. Konkret: Das Recht der Einzelnen, anders als die Kirche zu denken, die Trennung von Kirche und Staat, die Anerkennung anderer Religionen als der eigenen und die Abwendung von religiösem Antijudaismus – all das sind Ansichten, die Papst Benedikt XVI. als „Diktatur der Beliebigkeit“ geißelt und die er zurückdrängen möchte oder bereits zurückgedrängt hat. Aber auch die rechtliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Paare ist dem Pontifex ein Dorn im Auge. Gegen diese „Legalisierung des Bösen“, wie er die gleichgeschlechtliche Ehe bezeichnet, ist er in bewährter katholischer Tradition bereits mehrmals öffentlich ins Feld gezogen.

Toleranz zeigt der Papst wiederum gegenüber religiös motiviertem Antisemitismus: Die Aufhebung der Exkommunizierung von Bischöfen der fundamentalistischen Pius-Bruderschaft war nur eine Handlung in seiner bisher kurzen Amtszeit, die weltweit auf Kritik stieß. Die Bruderschaft ist unter anderem für ihr vehementes Leugnen des Holocaust und regelmäßige antisemitische Äußerungen bekannt.

Aber mit und ohne die besonderen Abscheulichkeiten Herrn Ratzingers passt die Religion als wohlige Ergänzung zur modernen kapitalistisch eingerichteten Welt ganz gut: Indem die Religion dem Menschen als Zuflucht zu einer außerweltlichen Autorität dient, wird diese gleichzeitig zum Maßstab für Gut und Böse. Gleichzeitig leugnet sie die Möglichkeit, Gesellschaft und persönliche Situation nach eigenem Ermessen zum Besseren zu Wenden. Sie hilft sich damit abzufinden, dass die sozialen Verhältnisse gerade nicht Lebensglück und Wohlergehen der Einzelnen sicherstellen, was für das gute Funktionieren des Individuums in der kapitalistischen Gesellschaft mehr als hilfreich ist. Das Ende des eigenen Elends, der eigenen Unfreiheit und Ausbeutung wird schlicht in das Jenseits verschoben.

Aus all diesen Gründen werden wir den Besuch des Papstes nicht ohne Widerspruch über die Bühne gehen lassen. Unser Mobilisierungsbündnis besteht aus den verschiedensten Gruppen und Initiativen, mit ganz unterschiedlichen Kritikschwerpunkten und politischen Herangehensweisen. Dennoch rufen wir alle gemeinsam zu Protestaktionen für den Tag des Papstbesuches auf. Außerdem werden wir eine Reihe von inhaltlichen Veranstaltungen organisieren, auf denen unsere Kritik präzisiert werden wird. Über eure Beteiligung würden wir uns sehr freuen.

*Die bürgerliche Errungenschaft der Trennung von Staat und Kirche gilt in diesem Fall nicht: So ist der Besuch des Papstes nicht nur eine religiöse, sondern sogleich eine politische Angelegenheit, die auch die Einschränkung der bürgerlichen Grundrechte als Sicherheitsmaßnahme bezüglich des Papstbesuches einschließt.

Quelle: http://papstabschaffen.blogsport.de/aufruf/


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3 responses

23 06 2011
sebastiandrechsler

Als gebeutelter Katholik empfinde ich die für mich bis jetzt ablesbare Herangehensweise als grundsätzlich falsch. Zwar ist das gesamte Bistum Erfurt in Papststarre verfallen, trotzdem gibt es innerkirchlich reichlich kritische Menschen. Die (so empfinde ich das) stößt man mit dem im Aufruf dargestellten Vokabular vor den Kopf. Soetwas darf nicht in eine areligiöses Argumentationsweise abtriften. Katholische Kirche und Papst dürfen nicht zusammengesehen werden. Kritik am Papst ist dann fruchtbarer, wenn sie nicht nur aus Kreisen außerhalb der Kirche kommt.

24 06 2011
Fette Kette

Hallo Sebastian, wie bitte kann denn die katholische Kirche und Papst nicht zusammen gesehen werden? Wenn er doch das (wenn auch nur ernannte) Oberhaupt der katholischen Kirche darstellt?
Und wenn der Aufruf kritische Menschen mit katholischem Glauben zur Diskussion anregt, ist er doch nur um so richtiger. Finde ich.

23 06 2011
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